Die Tochter der Sündenheilerin - Leseprobe (Seite 1 von 3)


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Tore zu neuen Welten


Halberstadt, Ostern 1254

Ihr solltet Eure Schönheit nicht an einen kleinen Kläffer verschwenden, Fräulein Antonia. Ihr braucht einen Mann.« Eberhard von Regenstein grinste, als er sah, wie sehr seine Worte die junge Frau überraschten.

Antonia von Birkenfeld stand in der Nähe des Domportals unter der großen Eiche und hielt einen dieser kleinen weißen Hunde im Arm, die derzeit in Mode waren. Sogar während der heiligen Messe hatte das lächerliche Fellbündel still zu ihren Füßen geruht.
Sie warf einen kurzen Blick zur Seite, als wolle sie sich versichern, ob sie allein war. Ihre Eltern, Graf und Gräfin von Birkenfeld, standen ein wenig abseits und sprachen mit dem Scholasticus Volrad von Kranichfeld.
Wie es schien, überschütteten sie ihn gerade wieder mit Goldstücken für seine neue Domschule.
Nun gut, Eberhard war es recht, dafür hatte seine Familie sich mit der größten Spende für den Neubau des Halberstädter Doms hervorgetan.

»Ihr braucht einen richtigen Mann«, wiederholte er.
»Einen, der Euch mit seiner Leidenschaft erfüllt. Dann habt Ihr es nicht mehr nötig, Eure Zärtlichkeit an ein Tier zu verschwenden.«



»Einen richtigen Mann?« Antonia musterte Eberhard mit blitzenden Augen und setzte den Hund auf den Boden.
»Ihr meint so einen wie Euch?«

Ah, er hatte das kleine Luder richtig eingeschätzt. In ihr brannte das südländische Feuer, vermutlich ein Erbe ihrer orientalischen Großmutter.

Er trat näher. »Warum nicht? Ihr hättet gerade das rechte Alter.«

»Für Euch?« Sie hielt seinem Blick mit schamloser Offenheit stand und erinnerte ihn für einen kurzen Moment an ihren Vater.

Sie hatte seine hellbraunen Augen, das gleiche schwarze Haar, nur dass ihres lang und seidig bis über die Hüften fiel, gehalten von einem Reif aus versilberten Rosenblättern.
Ihr Surcot aus feinster dunkelblauer Seide passte ausgezeichnet dazu und betonte ihre weibliche Figur.

Obwohl Eberhard Antonias Vater nicht ausstehen konnte, sah er in ihr ein Juwel, mit dem er sich gern geschmückt hätte.

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