Schicksalsstürme - Leseprobe (Seite 2 von 3)


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Tore zu neuen Welten


Vielleicht hatte er ein ledernes Wams getragen, das den Hieb abgemildert hatte.
Im vergangenen Jahr hatte sie einige Verletzungen dieser Art behandelt. Zwei Wochen, dann wäre ihm davon nicht mehr viel anzumerken, sofern er sich von der Unterkühlung erholte.
Während sie die Wunde versorgte, betrachtete sie ihn. Er war wirklich ein ansehnlicher Bursche. Die Haare so blond wie reifer Weizen. Welche Farbe mochten seine Augen wohl haben? Blau? Braun?
Ich bin schon wie Marieke, schalt sie sich. Lass mich von einem hübschen Gesicht in den Bann ziehen, ohne den Mann überhaupt zu kennen.
War er wirklich ein Opfer des Sturms, oder war sein Schiff von Piraten aufgebracht worden? Wie sonst hatte er sich diese Wunde zuziehen sollen? Andererseits, die Kaperfahrer wären bei dem gestrigen Sturm gewiss nicht ausgelaufen.
Ein Zittern durchlief seinen Leib. Er war noch immer eisig kalt. Sie zog ihm die Decke ganz über den Oberkörper, dann fachte sie die Glut im Kohlebecken neu an und stellte es unmittelbar neben seine Lagerstatt. Es würde dauern, bis es warm genug war.



Besser, sie holte ihm noch eine zweite Decke.
Als sie zurückkam, war er wach. Seine Augen waren so grün wie die Ostsee an hellen Sommertagen.
„Hvor er jeg?“ Das war Dänisch. Also hatte Arne recht.
Brida legte ihm die zweite Decke über. „Ihr seid in Sicherheit“, sagte sie. „Du er i sikkerhed.“ Er musterte sie auf eine seltsame Weise. Fragend, unsicher. Hatte er sie nicht verstanden? So schlecht war ihr Dänisch doch gar nicht.
„Wo genau bin ich?“, fragte er schließlich auf Deutsch. Bildete sie es sich ein, oder klang ein leichter lübscher Zungenschlag in seinen Worten mit?
„Ihr seid in Heiligenhafen, im Haus von Kapitän Hinrich Dührsen. Ich bin seine Tochter Brida.“ Sein Blick wanderte an ihr vorbei durch den Raum, blieb an dem Kohlebecken hängen. Fast kam es ihr so vor, als betrachte er gar nicht seine Umgebung, sondern schaue nach innen, versuche sich auf etwas zu besinnen, das ihm entfallen war.
„Wie ist Euer Name?“
Er sah ihr in die Augen, aber er schwieg. Ob er Angst hatte, wegen seiner Herkunft Schwierigkeiten zu bekommen?

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