Schicksalsstürme - Leseprobe (Seite 1 von 3)


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Tore zu neuen Welten


1. Kapitel

„Nun hilf mir schon, ihn auszuziehen!“ Brida zerrte an einem der Stiefel des Bewusstlosen. „Da hat uns das Meer aber mal was Hübsches beschert.“ Marieke kicherte, während sie nach dem anderen Stiefel des Mannes griff und ihm das nasse Leder mit einem Ruck vom Fuß zog.
„Teures Schuhwerk, ist wohl ein feiner Herr.“ Bewundernd strich die Magd über den weichen Schaft.
„Stopf sie nachher aus und stell sie zum Trocknen vor den Kamin.“ Brida reichte Marieke den zweiten Stiefel. „Halt, nicht jetzt, hilf mir erst, ihn ganz auszuziehen!“ Sie machte sich daran, seine Hose zu öffnen.
„Fräulein Brida, soll ich nicht lieber Kalle holen? Ich meine, wegen der Schicklichkeit ...“ „Bis du Kalle findest, ist der hier erfroren. Nun komm, ich werde von dem Anblick schon nicht erblinden.“
„Wäre ja auch schade.“ Marieke lächelte verschmitzt. „Der ist mehr als einen Blick wert.“
Brida seufzte. So war Marieke. Redete von Schicklichkeit, aber ihre Gedanken waren sündig genug, dem Pfarrer bei der nächsten Beichte die Schamesröte ins Gesicht zu treiben.



Es erwies sich als schwierig, die eng anliegenden Hosen hinunterzustreifen, die nass an den Beinen des Fremden klebten.
Auch das blutverschmierte Hemd hatte im Wasser gelitten und war an mehr als einer Stelle zerrissen.
„Wasch das, und dann schau, ob du es flicken kannst.“ Brida reichte der Magd die nassen Kleidungsstücke. „Das Hemd etwa auch?“ Marieke verzog das Gesicht. „Das ist doch völlig zerlumpt.“
„Versuch’s einfach. Es sieht aus, als wenn‘s teuer war.“
„Ja eben, der wird doch nicht in geflickte Plünnen rumlaufen wollen. Arne meinte auch, das ist bestimmt so’n reicher Pfeffersack.“
„Marieke, tu einfach, was ich dir sage.“
Die Magd murmelte etwas vor sich hin, hob auch die Stiefel auf und verließ die kleine Kammer, in der Bridas Vater für gewöhnlich seine Gäste beherbergte.
Brida deckte den Mann mit einer warmen Wolldecke zu und wandte sich dann seiner einzig sichtbaren Verletzung zu. Ein handbreiter Schnitt über der linken Brust.
Auf den ersten Blick eine tiefe Wunde, aber beim zweiten Hinsehen erkannte Brida, dass sie ungefährlicher war, als sie befürchtet hatte.

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